Gedanken zu einem 3. Oktober

Warum diesen Feiertag, den 3. Oktober, nicht „feiern“. Gedanken am Vorabend.

Phuuh, ist das schwer zu erklären. Finden doch die meisten , – „die Mauer war hart und unmenschlich, da gab es Tote, gut dass sie weg ist und überdies regierte in der DDR die SED-Diktatur, die haben wir jetzt los. War doch ein Unrechtsstaat“. So oder ähnlich wird gesagt.

Schwer dagegen anzukommen. Ist Mainstream-Meinung. Auch sonst kritische linke Freunde sehen das teilweise so. Lassen wir zunächst die DDR Autorin Elfriede Brüning zu Wort kommen:

„Als unsere Dörfer und Städte in Trümmer lagen, errichteten wir in einem Teil Deutschlands ein Staat, in dem jeder Arbeit und ein ausreichendes Einkommen hatte, in dem Gleichberechtigung herrschte zwischen Mann und Frau und jeder unabhängig von seiner Herkunft Zugang zu Bildung, Wissenschaft und Kunst fand. In dem der Eine dem Anderen nicht als Konkurrent oder Konsument entgegen trat. In dem das friedliche und solidarische Miteinander der Völker höchstes und immer wieder zu gewinnendes Gut war. Ein Staat, der aus der Geschichte gelernt hatte und dessen Geburt von einem Schwur begleitet war: Nie wieder darf von deutsches Boden ein Krieg ausgehen“.

Dieser hohe Anspruch hat auch uns begeistert. Und wir wünschen uns auch heute immer wieder, die heutige BRD möge all das haben. Wie überlegen wäre dieser dem brutalen neoliberalen Kapitalismus, von dem selbst ein Papst sagte „Kapitalismus tötet“.

Um doch bald zu erkennen, dass das so einfach nicht ist. Dieses Ländchen DDR hatte ein furchtbar schweren Start. Musste noch Reparationen zahlen an die Sowjetunion, die Produktion war zerstört, lief nur schwer an, der Westen warb abertausendfach qualifizierte Kräfte ab, das Denken im Alten steckte noch tief in Köpfen. Und eine Staatenumwelt, die keineswegs freundlich gesinnt war. Der Kalte Krieg war unerbittlich.

Vieles, was die Autorin oben beschrieben hat, wurde erreicht. Es entstand ein Land mit Bildung für alle, Gesundheit für alle, mit hohen wissenschaftlichen und geistigem Niveau. Ein Leseland wurde gesagt. Regierung, Partei und Volk geben alles, um das Land zu entwickeln stärker zu machen. Und Freunden in aller Welt wurde auch noch geholfen. Befreiungsbewegungen erhielten materielle, solidarische Unterstützung, Entwicklungsländern ebenfalls. Die DDR wurde mehr und mehr in der Völkergemeinschaft anerkannt, Mitglied der Vereinten Nationen, bei der Helsinki-Konferenz 1975 saß Erich Honecker in einer Reihe mit dem deutschen Kanzler und dem USA-Präsidenten. Das Lese- und Bildungsland DDR konnte stolz sein. Auch im Sport hatte die DDR Gewicht. Zusammen mit der großen Sowjetunion und anderer sozialistischer Länder entstand ein Kraftblock, der den zündelnden Imperialismus durchaus in Schach halten konnte.

Trotzdem hat die Kraft nicht gereicht. Die Arbeitsproduktivität war zu gering, das Land konnte nicht mithalten, steckte auch viel Geld in die Rüstung, unterlag so der Übermacht des Westens. Fehlentscheidungen und mangelndes Vertrauen in die eigene Bevölkerung tat ihr Übriges.

Wir alle haben uns viel erhofft. Unsere Freunde haben so gedacht: Mit der materiellen Fülle des Westens und dem Guten der DDR muss doch diese „bessere“ Gesellschaft gelingen.

Aber es kam anders. Schon 1999 überfiel der Westen mit der nun größeren BRD im Bunde das neutrale Jugoslawien und zerschlug es. Den Menschen der DDR wurden ihre Arbeit und ihre Identität geraubt. Heerscharen von Westlern fielen über den Osten her um dort zu lehren, wie jetzt zu Laufen ist. Gleichzeitig räumte der Kapitalismus nun in ganz Deutschland die sozialen Errungenschaften vieler Jahre brutal ab. Das Aushängeschild „goldener Westen“ gen Osten wurde nicht mehr gebraucht.

Das kann endlos weiter geschrieben werden, denn wir sind in der Gegenwart angekommen. In einem tiefgespaltenen, von Ultrarechts massiv bedrohten Land. Leserinnen und Leser mögen selbst urteilen und vielleicht doch zuzugestehen, über das Verlorene traurig zu sein zu dürfen.